norwegische Literatur.

nọrwegische Literatur.
 
Die norwegische Literatur lässt sich nicht in allen Epochen eindeutig von den benachbarten Literaturen abgrenzen. Im Mittelalter bestand ein intensives kultisch-literarisches Rezeptionsverhältnis mit Island. Während der jahrhundertelangen dänischen Oberhoheit (1380-1814) gingen die bescheidenen Ansätze zu einer eigenständigen norwegischen Literatur in der gemeinsamen dänisch-norwegischen sprachlich-kulturellen Einheit (»dansk-norsk fælleslitteratur«) auf. Eine selbstständige norwegische Literatur entwickelte sich erst im Gefolge der nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen des 19. Jahrhunderts.
 
 
Die altnorwegische Literatur bildete mit der altisländischen Literatur die altnordische Literatur und deren Hauptgattungen aus: die eddische Dichtung, die Skaldendichtung und die Sagaliteratur.
 
 
Die politische Union mit Dänemark leitete den kulturellen Niedergang Norwegens ein, der u. a. auch durch die Reformation beschleunigt wurde: Die dänische Schriftsprache verdrängte mit den Bibelübersetzungen und der dänischen Verwaltungssprache das Norwegische aus den Städten in abgelegene Landbezirke, wo es in den Dialekten bis ins 19. Jahrhundert mündlich weiterlebte und dann in die Schriftsprache des »Landsmål« einfloss. Norwegische Verfasser wurden in die dänische Literatur integriert, sodass nur bei einigen wenigen Autoren eine spezifisch norwegische Komponente erkennbar ist, z. B. bei P. Dass, teilweise auch in den gefühlvollen religiösen Dichtungen der Dorothe Engelbretsdatter (* 1634, ✝ 1716). Bedeutend war der Einfluss des in Bergen geborenen L. Baron von Holberg, der nicht nur die Epoche der Frühaufklärung einleitete, sondern auch eine spezifisch norwegische Sonderbewegung innerhalb der dänischen Literatur begründete. An diese knüpften 1772 die klassizistischen Dichter einer neu gegründeten »Norwegischen Gesellschaft« in Kopenhagen an und leiteten damit bereits Ansätze einer norwegischen Nationalliteratur in die Wege: J. H. Wessel, Niels Krog Bredal (* 1733, ✝ 1778) und J. N. Brun, Peter Harboe Frimann (* 1752, ✝ 1839) und Jens Zetlitz (* 1761, ✝ 1821) sowie Claus Fasting (* 1746, ✝ 1791). Beeinflusst von den Ideen der Französischen Revolution, forderten v. a. die jüngeren Mitglieder des Kreises ein kulturell selbstständiges Norwegen auf der Grundlage der alten nationalen Bauernkultur. Das neue Nationalgefühl, u. a. durch Interesse am altnordischen Schrifttum hervorgerufen, wurde maßgeblich von dem Historiker Gerard Schøning (* 1722, ✝ 1780) gefördert und kulminierte in der Gründung einer norwegischen Gesellschaft der Wissenschaften in Trondheim (1760) sowie in der Errichtung der den Dänen abgetrotzten eigenen Universität (1811) in Christiania (heute Oslo).
 
 19. Jahrhundert
 
Die »nationale Wiedergeburt« war gleichzeitig der Neuanfang der norwegischen Literatur. Die liberale Verfassung von Eidsvoll (1814) war der Maßstab für die kulturellen Tendenzen der neuen Dichtung. In einer groß angelegten Nachholbewegung wurden die Epochen der Aufklärung, Empfindsamkeit, Romantik und des Biedermeier gegen 1830 mit einer neuen republikanisch-liberalen Gesinnung erfüllt und zu einem eigentümlichen, sich jeder Epochenbezeichnung entziehenden Stil verschmolzen, dessen Hauptvertreter H. A. Wergeland sich im so genannten norwegischen Kulturstreit gegenüber seinem dänisch gesinnten Rivalen J. S. Welhaven auf die Eigenständigkeit der norwegischen Literatur berief. Diese Bestrebungen wurden nach 1845 von der Sammlung und Erforschung der alten Volksliteratur (Märchen, Sagen, Balladen) durch P. C. Asbjørnsen, J. I. Moe und M. B. Landstad, der alten, dialektgebundenen Volkssprache durch I. Aasen und eine nationale Geschichtsschreibung durch Peter Andreas Munch (* 1810, ✝ 1863) gefördert. In der Literatur wurde diese Rückbesinnung auf die eigene kulturelle Vergangenheit als Nationalromantik v. a. durch die Verwendung von Stoffen aus dem norden Mittelalter reflektiert. Dichter der älteren Generation riefen diese Bewegung ins Leben. Sie wirkte stilbildend weiter bei dem in Landsmål schreibenden A. O. Vinje und in den Frühwerken der beiden bedeutendsten norwegischen Dichter des 19. Jahrhunderts, H. Ibsen und B. Bjørnson. Es ist kennzeichnend für die stürmische literarische Entwicklung dieser Epoche, dass sich frühzeitig verschiedenartige literarische Strömungen nebeneinander behaupten konnten: Neben nationalromantischen und idealistischen Tendenzen (Ibsens »Brand«, 1866, deutsch, und »Peer Gynt«, 1867, deutsch) setzte sich eine realistische, gesellschaftsbezogene Richtung durch. Startsignal für die neue »Tendenzliteratur« war 1855 Camilla Colletts Roman »Amtmandens Døttre« (1855; deutsch »Die Amtmanns-Töchter«). An dieses Werk anknüpfend, schufen Bjørnson mit dem Drama »En fallit« (1875; deutsch »Ein Fallissement«) und Ibsen mit den »Samfundets støtter« (1877; deutsch »Stützen der Gesellschaft«) eine moderne, gegenwartsbezogene Dramatik, die sich geistesgeschichtlich u. a. von den durch G. Brandes ab 1870 vermittelten Ideen des Positivismus und Sozialdarwinismus herleitet. Während Ibsen mit seinen Gesellschaftsstücken an den deutschen Bühnen als zeitweilig meistgespielter Autor große Erfolge erzielte und den deutschen Naturalismus nachhaltig beeinflusste, war Bjørnson die Leitfigur in den politischen, moralischen und kulturellen Fragen der Nation, u. a. in der panskandinavischen Bewegung, der Sittlichkeitsdebatte und dem Unionsstreit mit Schweden. Bjørnson hatte bereits mit »Synnøve Solbakken« (1857; deutsch) den Typus der zwischen Idealismus und Realismus schwankenden und bis weit ins 20. Jahrhundert stilbildend wirkenden Bauernerzählung geschaffen, deren Stil die großen realistischen Erzähler J. Lie und A. L. Kielland ins bürgerliche Milieu überführten, während der Landsmåldichter A. Garborg diese Thematik dem Naturalismus erschloss. Die Sittlichkeitsdebatte der 1880er-Jahre, ausgelöst durch naturalistische Romane von B. A. Skram und durch die so genannte Christiania-Boheme (C. Krohg und H. Jæger), leitete, obwohl voll dem Naturalismus verpflichtet, thematisch die Seelendichtung der 1890er-Jahre ein, die mit den Stilmitteln des Impressionismus, Symbolismus und der Neuromantik eine radikale Absage an den Naturalismus mit einer Hinwendung zum psychologischen Individualismus verband. Anteil an diesem Stilwandel hatten neben dem jungen K. Hamsun mit seinen Romanen »Sult« (1890; deutsch »Hunger«) und »Mysterier« (1892; deutsch »Mysterien«) und seinen polemischen Literaturvorträgen die von ihm kritisierten Dichter der älteren Generation: Garborg, Lie und besonders Ibsen mit seinen Spätwerken, außerdem G. Heiberg, V. A. Krag und N. C. Vogt sowie S. Obstfelder.
 
 20. Jahrhundert
 
Die vielfach heterogenen, exakter Klassifizierung sich häufig entziehenden kulturellen und literarischen Strömungen des 19. Jahrhunderts entwickelten sich im 20. Jahrhundert weiter auseinander, wobei die Kontraste häufig auch in den einzelnen Dichterpersönlichkeiten aufscheinen. Bei Hamsun, dem bedeutendsten Epiker, wirkte ein von F. W. Nietzsche beeinflusster Vitalismus mit antizivilisatorischer und antidemokratischer Tendenz weiter, der später in eine fatale Sympathie für das nationalsozialistische Gedankengut einmündete und den Dichter dem Volk entfremdete. Aus der Erzähltradition des 19. Jahrhunderts führten, mit unterschiedlicher Akzentuierung, mehrere Autoren ein Hauptthema der norwegischen Literatur weiter, den Antagonismus zwischen alter Bauernkultur und moderner bürgerlicher Zivilisation: H. E. Kinck, Sigrid Undset, O. Duun, K. O. Uppdal, J. P. Falkberget und Oskar Braaten (* 1881, ✝ 1939). Neben dem Roman hatte nur die Lyrik größere Bedeutung. Sie stand ebenfalls in der kulturellen Tradition des 19. Jahrhunderts und griff dessen heterogenes Themen- und Formenarsenal wieder auf, wobei eine Dominanz der in Landsmål schreibenden Autoren den nationalen Bezug verdeutlichte. Die Lyrik von H. Wildenvey, O. Bull, Alf Larsen (* 1885, ✝ 1967), Oskar Aukrust (* 1883, ✝ 1929), Olav Nygard (* 1884, ✝ 1924), T. Jonsson, A. Øverland u. a. hatte einen bedeutenden Stellenwert im kulturellen Leben der Nation und wurde von allen sozialen Schichten rezipiert. Themen und Techniken der »modernistischen« europäischen Literatur, die Einsichten S. Freuds und die formalen Neuerungen von M. Proust und J. Joyce fanden erst in den 1930er- und 1940er-Jahren zaghafte Reaktionen: in den Romanen von S. Hoel, begleitet von der Sozialdebatte und der Faschismuskritik, die zeitweilig die unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Standpunkte verschiedener Dichter vereinigte und ihnen im Widerstand gegen die deutsche Besatzung ein gemeinsames Ziel gab; bei den protestantischen Ethikern R. Fangen und Sigurd Wesley Christiansen (* 1891, ✝ 1947), der Katholikin Sigrid Undset, den Sozialisten N. Grieg, A. Sandemose und Øverland, der in seinem programmatischen, illegal weit verbreiteten Gedicht »Vi overlever alt« (Wir überleben alles, herausgegeben 1945) bereits 1940 das literarische Motto für die Nachkriegszeit angab. Denn das Erlebnis der deutschen Besatzung wurde nach 1945 für Jahre zum Zentralthema der norwegischen Literatur: Als nationales Trauma wurde die deutsche Besatzung im Prozess gegen Hamsun und in dessen Erinnerungsbuch (»Paa gjengrodde stier«, 1949; deutsch »Auf überwachsenen Pfaden«) ebenso schmerzlich deutlich wie in Romanen von J. Borgen, Hoel, Sigurd Evensmo (* 1912, ✝ 1978), Kåre Holt (* 1917) und v. a. T. Vesaas, in dessen bedeutendem Werk nicht nur die Bewältigung der Okkupationszeit deutlich wird, sondern auch die Anbindung an moderne europäische Traditionen erfolgte; diese wurden auch von Sandemose und Borgen übernommen, während A. Hauge und Terje Stigen (* 1922) eine traditionellere Erzählkunst pflegten. Die von T. Ørjasæter sensibilisierte Lyrik verharrte dagegen längere Zeit in der Innerlichkeit des »verborgenen Norwegen«, v. a. Olav Sletto (* 1886, ✝ 1963) und Inge Krokann (* 1893, ✝ 1962), und in nationalen, religiösen, naturschwärmerischen oder sozialkritischen Traditionen, bis sie in den 60er-Jahren durch P. Brekke, Stein Mehren (* 1935) und J. E. Vold den Anschluss an experimentelle europäische Tendenzen fand, den zuvor schon A. Mykle, J. Bjørneboe, Gunnar Bull Gundersen (* 1929), A. Jensen und F. Alnæs in ihren Romanen hergestellt hatten. Diese experimentellen und sozial-modernistischen Tendenzen, die sich gegen Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre v. a. um die Zeitschriften »Profil« und »Bazaar« verdichteten (Vold, T. Obrestad, E. Økland, Espen Haavardsholm, * 1945, D. Solstad, Kjartan Fløgstad, * 1944, u. a.), entwickelten sich im Laufe der 70er-und 80er-Jahre von einem durch Solstads Roman »Arild Asnes 1970« (1971) eingeleiteten (Sozial-)Realismus (u. a. auch K. Askildsen, Haavardsholm, Edvard Hoem, * 1949, Liv Køltzow) zu einer »innerlichen« (Økland, P.-H. Haugen) beziehungsweise imaginativen (Tor Åge Bringsværd, * 1939, Mari Osmundsen, * 1951) und psychologisch (K. Faldbakken, Cecille Løveid) orientierten Richtung. Daneben steht in den 80er-Jahren der schwer kategorisierbare, formal eher traditionelle, poetische Erzählstil wie bei Jan Kjærstad (* 1953), Fløgstad und, in herausragender Weise, im Werk Herbjørg Wassmos; die Lyrik vertritt Terje Johanssen (* 1942). Rückgriffe auf die norwegische Erzähltradition (z. B. Cora Sandel, Torborg Aud Nedreaas, * 1906, ✝ 1987) finden sich wieder in der Prosa, v. a. im Roman, der 90er-Jahre, so bei Lars S. Christensen (* 1953), Torill Thorstad Hauger (* 1943) sowie bei E. F. Hansen und J. Gaarder, die der norwegischen Literatur starke internationale Anerkennung brachten.
 
 
H. Pettersen: Bibliotheca Norvegica, 4 Bde. (Kristiania 1899-1924, Nachdr. Kopenhagen 1972-74);
 R. Øksnevad: Norsk litteraturhistorisk bibliografi, 2 Bde. (Oslo 1951-58);
 
Norsk litteraturhistorie, hg. v. F. Bull u. a., 6 Bde. (Neuausg. ebd. 1957-63);
 J. A. Dale: Nynorsk dramatikk i hundre år (ebd. 1964);
 W. Friese: Nord. Barockdichtung (1968);
 
Norges litteratur historie, hg. v. E. Beyer, 6 Bde. (Oslo 1974-75);
 
Linjer i norsk prosa. Norge 1965-1975, hg. v. H. Rønning (ebd. 1977);
 
Aspekte der skandinav. Gegenwartslit., hg. v. D. Brennecke (1978);
 W. Dahl: Norges litteratur, 3 Bde. (Oslo 1981-89);
 
Nord. Literaturgesch., bearb. v. M. Brøndsted u. a., 2 Bde. (a. d. Norweg., 1982-84);
 W. Friese: »... am Ende der Welt«. Zur skandinav. Lit. der frühen Neuzeit (1989);
 
Grundzüge der neueren skandinav. Literaturen, hg. v. F. Paul (21991).

Universal-Lexikon. 2012.

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